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Die Stadt von der anderen Seite sehen

Wie wollen wir in Zukunft leben und welche Stadt brauchen wir dafür?

Mülheim gleicht einem Labor, in dem ganz unterschiedliche Vorstellungen einer zukünftigen Stadtgesellschaft kontinuierlich neu verhandelt werden. Grund genug, einmal genauer hinzuschauen, denn vielleicht entscheidet hier das Gelingen von Veränderungsprozessen nicht nur über die Zukunft Mülheims, sondern beispielhaft über die Entwicklung der ganzen Stadt

Thomas Laue, leitender Dramaturg

Das Schauspiel Köln hat sanierungsbedingt für mehrere Jahre eine Interimsspielstätte im rechtsrheinischen Köln-Mülheim bezogen, einem Stadtteil, in dem viele Herausforderungen an eine zukünftige Stadtgesellschaft gebündelt auftreten: postindustrieller Strukturwandel, stark belastete und belastende Mobilitätsinfrastrukturen, Zuwanderung und Gentrifizierung. Hinzu kommen die Nachwirkungen des rechtsterroristischen Anschlages des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) vor mehr als zehn Jahren.

Bereits in der ersten Interimsspielzeit hat sich das Schauspiel Köln neben dem klassischen Repertoirespielbetrieb intensiv mit dem Stadtteil Mülheim auseinandergesetzt. Durch seine Präsenz und seine aktive Beteiligung an der Entwicklung des Stadtteils mit künstlerischen Mitteln, ist das Schauspiel Köln zu einem wichtigen Motor innerhalb Mülheims geworden. Auch nach dem Wiedereinzug in das sanierte Haus am innerstädtischen Offenbachplatz soll der Standort im Depot beibehalten werden. Seit Beginn von „Die Stadt von der anderen Seite sehen“ im Sommer 2015 ist außerdem klar: das Schauspiel Köln bleibt zunächst für weitere Jahre im Stadtteil und Mülheim wird vom sogenannten „Interim“ zur „Hauptspielstätte“ des Schauspiel Köln für die nächsten Jahre.

Ziel des Projekts

Unsere heutige Stadtgesellschaft ist so vielfältig wie heterogen zusammengesetzt. Die Herausforderungen an die Organisation des Zusammenlebens sind so komplex, dass keine Institution oder gesellschaftliche Gruppe alleine funktionierende Lösungsansätze entwickeln kann.
Das Projekt setzt es sich deshalb zum Ziel, mit möglichst vielen unterschiedlichen Menschen und Gruppen, die von den Entwicklungen innerhalb des Stadtteils direkt oder indirekt betroffen sind, in Kontakt zu treten und gemeinsam mit ihnen eine Vision für die Zukunft zu entwerfen. Künstler treffen auf Architekten, Sozialarbeiter und Ökonomen, Politiker auf Bildungsforscher, Junge auf Alte, Alteingesessene auf Neuzugezogene. Erst aus dem Zusammenspiel vieler Perspektiven entstehen einzelne, partizipativ angelegte Kunst- und Praxisprojekte, die in einem offenen Arbeitsprozess weiterentwickelt, gebündelt und nach und nach zu einem Grande Finale verdichtet werden.

Aufgabe

Kölner Carlsgarten Kölner CarlsgartenKölner Carlsgarten Quelle: Tommy Hetzel

„Die Stadt von der anderen Seite sehen“ soll die verschiedenen Perspektiven und auch die bestehenden und gut ausgebauten Netzwerke innerhalb des Stadtteils aufeinandertreffen lassen und in einen gemeinsamen Arbeitsprozess bringen. Dabei ist das Theater Motor des Dialogs und der öffentlichen Diskussion sowie künstlerisches Transportmittel für den Arbeitsprozess zugleich. Das ist in zweierlei Hinsicht neu: ein Theater versteht sich aktiv als Instrument der Stadtentwicklung und es setzt einen Prozess in Gang, der den Herausforderungen gegenwärtiger Stadtentwicklung auf innovative Weise gerecht wird.

Umsetzung

Die Lücke Die LückeDie Lücke Quelle: David Baltzer

Das Projekt „Die Stadt von der andere Seiten sehen“ gliedert sich in mehrere Arbeitsschritte und Formate. Die Spielzeit 2015/16 verstand sich dabei als Phase der Bestandsaufnahme und Projektentwicklung, während die aktuell laufende Spielzeit 2016/17 als aktive künstlerische Projektphase konzipiert ist, die Kunst und Stadtentwicklung, Ökonomie und Sozialraum miteinander verbinden.
In mehreren sog. Salons, durch Kartierungen, Gespräche mit lokalen Experten, Ortsbegehungen und Kooperationen mit Hochschulen wurden zunächst Themen identifiziert, die den Stadtteil beschäftigen bzw. für die bereits Expertisen und Kompetenzen vor Ort vorhanden sind.

Beim öffentlichen Auftakt im März 2016 ist „Stadt sehen“ mit einer ersten theatralen Konferenz unter dem Titel „Phase 1: Aufbruch in die Zukunft“ mit mehr als 200 motivierten und engagierten Stadtbewohnern gestartet. Ziel war es den Stadtteil an zehn Orten in zehn Workshops zu erkunden, die bisherigen Erkenntnisse zu überprüfen und neue Ideen und Bilder für den Stadtteil zu entwickeln. Hervorgegangen sind daraus die Komplizenschaften „Raumfähre“ mit Labor Fou und Architekturlandschaft, „Vor-Ort“ mit dem freien Theaterkollektiv subbotnik und die „Mülheimer Wunderkammer“.
Zur Halbzeit des Projektes und im Übergang zwischen Recherche- und Projektphase ist die zweite theatrale Konferenz verortet. In einem ersten Teil im Oktober 2016 stand die atmosphärische und theatrale Aufladung von Orten durch Geschichten und Erlebnisse, durch Bewegung und Übergänge im Vordergrund. Auf drei unterschiedlichen Expeditionsrouten gelangten die Besucher vom Schauspiel Köln in Mülheim zum Offenbachplatz, von wo sie nach einer Performance wieder auf dem Wasserweg zurück nach Mülheim, diesmal zur Dependance unter der Mülheimer Brücke aufbrachen und von einer öffentlichen Probe der Bilder-Oper „Die Trompeten von Jericho“ empfangen wurden.
Der zweite Teil, die internationale Diskursveranstaltung „Stadt und Theater Denken“ im November 2016, verhandelte Strategien und Handlungsanweisungen von Theater zwischen Stadtentwicklung und Kunst mit Positionen von Theatermachern aus Wales und Brüssel, von Bürgerschaft, Stiftung und Stadtplanung.
Darüber hinaus wurde unter dem Titel „Die andere Seite“ ein Open Call ausgelobt, auf den sich deutschlandweit interdisziplinäre Teams bewerben konnten. In diesem Rahmen wurden zwei Projekte von einer Fachjury ausgewählt, während sich eine Publikumsjury ihr Lieblingsprojekt sichern konnte.

Ende Juni 2017 sollen alle begonnen Prozesse und Projekte in einem Grande Finale verdichtet werden. Dieses wird nicht nur Ergebnispräsentation sein, sondern insbesondere einen Ausblick für eine mögliche Zukunft von Mülheim und ein alternatives Modell von Stadt und Stadtgesellschaft geben.

Zusatzinformationen

Projektträger

  • Bühnen der Stadt Köln - Schauspiel Köln

Ansprechpartner

  • Bühnen der Stadt Köln
    Schauspiel Köln
    Offenbachplatz 50670 Köln

Weblinks

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