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Nationale Stadtentwicklungspolitik

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Dietzenbach „definitiv unvollendet“

Eine Reihe aus 2.500 Stelen im Stadtzentrum von Dietzenbach bildete den künstlerischen Auftakt eines Projektes, das alle Bürger dazu anregen sollte, derzeit brachliegende, innerstädtische Flächen temporär zu nutzen. Damit wurde auf die Bedeutung der Ressource Boden für die zukünftige Stadtplanung aufmerksam gemacht und Möglichkeiten zur temporären Nutzung brachliegender Flächen geboten.

Kontext

In Dietzenbach wurde 1973 eine 760 ha große Entwicklungsmaßnahme mit dem Ziel ausgewiesen, die Gemeinde als Entlastungsstadt für Frankfurt/Main von 6.000 auf 60.000 EinwohnerInnen wachsen zu lassen. Doch bis heute konnte nur knapp die Hälfte der angestrebten Einwohnerzahl erreicht werden. Die nur zum Teil umgesetzten, städtebaulichen Pläne der 1960er und 1970er Jahre hinterließen eine, als sozialer Brennpunkt wahrgenommene, Hochhaussiedlung sowie Brachflächen und überdimensionierte Verkehrsräume. Das Projekt "Dietzenbach - definitiv unvollendet" verfolgt auch das Ziel, neue Formen von Planungsmethoden experimentell zu erproben.

Projektbeschreibung

Stelenreihen Quelle: C. Bigos

Mit dem Projekt werden Wege erprobt, wie mit leeren, derzeit ungenutzten Flächen umgegangen werden kann und wie von der ehemals geplanten Expansion auf eine qualitative Innenentwicklung umgestellt werden kann. Gleichzeitig wurde damit ein Diskurs zwischen Bürgern, Verwaltung und Politik über die zukünftige Ausrichtung der Stadt begonnen. Zur Durchführung und Realisierung sowie zur wissenschaftlichen Begleitung des Projektes bildete sich eine interdisziplinäre Projektgruppe aus Vertretern von Stadt, Planungsbüro und Universitäten.

In der ersten Phase diente eine künstlerische Installation in der unbebauten Stadtmitte dazu, die BürgerInnen anzusprechen, zum Nachdenken zu bringen und zum Mitwirken anzuregen. Dafür wurde eine 600 Meter lange und 1,8 Meter breite Achse aus 2.500 Holzstelen errichtet.

Die Bevölkerung wurde mittels Informationsblättern, Plakaten und Broschüren über den Sinnzusammenhang von Stelen und Flächennutzung informiert und dazu animiert, Nutzungsvorschläge für jeweils 100qm-Parzellen in Dietzenbach zu machen. Ein an zentraler Stelle aufgestellter Bauwagen diente als Informations- und Anlaufstelle. Über 300 Nutzungswünsche und -anregungen wurden geäußert. In der zweiten Projektphase konnten für die gemeldeten individuellen Nutzungswünsche Stelen entnommen werden, um damit auf einer von 30 Brachflächen der Stadt eigene "claims" abzustecken. Mit zeitlich befristeten Nutzungsverträgen waren die temporären Zwischennutzungen ein Beitrag zur eigenen Besitzergreifung der Stadt. Ein Großteil der Flächenwünsche wurde von BewohnerInnen mit Migrationshintergrund (Einwanderer, Ausländer, Aussiedler,...) geäußert. Besonders signifikant war der Wunsch nach Gartennutzung aus den Quartieren des Geschosswohnungsbaus.

Neben Parzellen für Grabeland wurden Flächen für einen Spielplatz, für einen Hühnerhof für Kinder, eine Windkunstinstallation von Schülern bzw. Blumenbeete vergeben.

Auch wenn aufgrund der nur einjährigen Laufzeit der Verträge, der zu zahlenden Bürgschaft von 500 Euro und der aufwändigen Bürokratie die Menge der temporären Zwischennutzungen verhältnismäßig gering blieb, konnte das Projekt einen Beitrag zur baulichen wie sozialen Integration in einer Stadt mit sehr heterogener Bewohnerschaft leisten. Die Anregung des Projekts, dass die Stadt langfristig Boden für einen „Internationalen Garten“ zur Verfügung stellen sollte, wurde 2005 nach Gründung des Vereins „Internationale Gärten Dietzenbach“ befolgt.

Projektchronologie

JahrEreignis
Juni 2000Bewerbung der Stadt Dietzenbach für den Ideenwettbewerb "Stadt 2030" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF)
März 2001Verleihung der Siegerurkunde durch das BMBF
August 2002 - April 2003Stelenreihe als Installation in der unbebauten Stadtmitte
bis Mai 2003Flächenvergabe an interessierte Nutzer
Juli 2003Abschluss des Projektes
2006Eröffnung des „Internationalen Gartens Dietzenbach“
2008„Lobende Anerkennung“ des Stelenprojektes Dietzenbach im Wettbewerb der Landesinitiative Baukultur in Hessen

Ziele

  • Temporäre Nutzung von brachliegenden Flächen in der Stadt
  • Positiver Imagewechsel für die Stadt
  • Sensibilisierung von BürgerInnen für das Thema "Umgang mit Boden"
  • Stärkung des Interesses für den öffentlichen "gemeinsamen" Raum
  • Thematisierung der räumlichen Potentiale in der Stadt
  • Eigenverantwortlichkeit und Selbstverwirklichung der Stadtbevölkerung stärken

Maßnahmen

Blick auf einen Hühnerstall Quelle: C. Bigos

  • Intensive Öffentlichkeitsarbeit (Informationsblätter für alle Haushalte, Plakate, Internetseite, Bauwagen, Befragungen)
  • Öffentliche Installation aus 2.500 Stelen in der Stadtmitte
  • Entgegennahme von ca. 300 Bürgeranregungen und -wünschen
  • Vergabe von Parzellen für Grabeland, Spielplatz, Kunstprojekte, Hühnerhof, u.a.
  • Begleitung und Evaluation durch eine interdisziplinäre Projektgruppe

Innovationen

Blick auf bunte Stelen Quelle: C. Bigos

Das Projekt zeigt Wege auf, wie temporäre Zwischennutzungen für die Stadtentwicklung aufgegriffen werden können, um ein verändertes Bewusstsein im Umgang mit Grund und Boden zu fördern. Durch künstlerische Installationen im öffentlichen Raum und eine begleitende Öffentlichkeitsarbeit gelang es, eine Vielzahl von BürgerInnen für ihre Stadt und deren Planung zu interessieren. Der planerisch unkonventionelle Ansatz verbindet Belange des haushälterischen Bodenmanagements mit den Elementen einer auf bürgerschaftlichem Engagement und Selbsthilfe orientierten Planung.

Quellen

  • Boczek, Barbara (2003): Definitiv unvollendet. Projekt "Stadt 2030" für Dietzenbach. In: polis, Zeitschrift für Stadt und Baukultur, 1/2003 (März 2003), o. O.
  • Wilhelm, Martin; Becker, Claudia (2003): Definitiv unvollendet. Das Forschungsprojekt Dietzenbach 2030. In: db, Deutsche Bauzeitung, 7/03. Darmstadt
  • Stadtverwaltung Dietzenbach; Büro TOPOS; Goethe-Universität Frankfurt; TU-Darmstadt (2002): dietzenbach 2030 - definitiv unvollendet. Zwischenbericht. o. O. (Lageplan)
  • Stadt Dietzenbach (o. J.): Faltblatt "Paradies auf 100qm". o. O.
  • Rodenstein, Marianne (2004): Ein Plädoyer für Planung als Dekonstruktion. In: Altrock, Uwe u.a. (Hg.) Perspektiven der Planungstheorie, Berlin: Leue, 89-98
  • Becker, Claudia, Bigos, Claas, Boczek, Barbara, Böhm-Ott, Stefan u.a. (2005):Dietzenbach 2030 – ein neuer Planungsansatz für die Innenentwicklung der Stadt. In: Deutsches Institut für Urbanistik (Hg.) Zukunft von Stadt und Region, Bd. I: Integration und Ausgrenzung in der Stadtgesellschaft, Wiesbaden: VS, 249-278
  • Böhm-Ott, Stefan, Boczek, Barbara, Günther, Petra, Rodenstein, Marianne, Saridis, Vasili: (2006): Bürgerschaftliche Interessen als zentrale Ressource kommunaler Selbstverwaltung. In: deutsches Institut für Urbanistik (Hg.): Zukunft von Stadt und Region, Bd IV Chancen lokaler Demokratie, Wiesbaden: VS, 55-83
  • Günther, Petra, Rodenstein, Marianne (2006): Mobilisierung von Migrantinnen für ihre Interessen am Stadtraum. In: Rodenstein, Marianne (Hg.) Das räumliche Arrangement der Geschlechter. Kulturelle Differenzen und Konflikte. Berlin: trafo, 85-97

Weiterführendes

Den Projektstandort finden Sie auch unter PLZ: 63128 - Ort: Dietzenbach - Straße: Adolph-Kolping-Straße 1.

Letzte Änderung: 04.11.2011