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Nationale Stadtentwicklungspolitik

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Tübingen „Südstadt“

Die französischen Kasernen und die Bundesstraße B 27 stellten jahrzehntelang Barrieren für die städtebauliche Entwicklung Tübingens dar. Seit Auflösung der französischen Garnison 1991 wird auf einer ca. 60 ha großen Fläche ein neuer Stadtteil mit funktionaler, sozialer und baulicher Vielfalt entwickelt.

Dieses Projekt befindet sich im Archiv. Die Projektdaten werden nicht mehr aktualisiert.

Kontext

Letzte Wachablösung der Franzosen Quelle: Stadtsanierungsamt Tübingen

Jahrzehntelang bildeten die französischen Kasernen und die Stuttgarter Straße (B 27) Siedlungsbarrieren in der Tübinger Südstadt. Mit der Auflösung der französischen Garnison im Juni 1991 und der konkreten Absicht, die B 27 aus der Stadt hinaus zu verlegen, bot sich die einmalige Chance auf einer ca. 60 ha großen Fläche, einen neuen Stadtteil für 6.500 Menschen und 2.000 Arbeitsplätze zu entwickeln.

Die Rahmenbedingungen für die Revitalisierung einer innerstädtischen Brachfläche waren in Tübingen zum Zeitpunkt der Aufgabe der militärischen Nutzung günstig. Es bestand eine starke Nachfrage nach preisgünstigen Wohnraum. Ein Mangel an Gewerbeflächen war ebenfalls zu verzeichnen. Die Topographie erschwerte jedoch die Ausweisung von Wohn- und Gewerbegebieten, so dass mit dem freiwerdenden Kasernengelände ein innenstadtnahes Flächenpotential für ein Mischgebiet mit Wohnen und Gewerbe entstand.

Das Projekt ist 1996-1999 als Modellvorhaben im Forschungsfeld „Nutzungsmischung im Städtebau“ im Bundesforschungsprogramm „Experimenteller Wohnungs- und Städtebau“ (ExWoSt) gefördert und ausgewertet worden.

Projektbeschreibung

Neubau und umgenutzte Pferdeställe Quelle: Stadtsanierungsamt Tübingen

Seit Juni 1991 wird in Tübingen (87.000 Einwohner) die Südstadt als neuer Stadtteil für Wohnen und Arbeiten realisiert. Heute leben dort rund 3.000 Menschen. Etwa 150 Betriebe mit ca. 1000 Arbeitsplätzen wurden bislang angesiedelt. Die gewerblichen Ansiedlungen gliedern sich in 50% Dienstleistung, 20% produzierendes Gewerbe und Handwerk, 10% Einzelhandel sowie 20% sonstige Einrichtungen.

Die Grundlage für die erfolgreiche Reaktivierung der Militärbrache wurde bereits vor dem eigentlichen Abzug der französischen Streitkräfte gelegt. Seit Herbst 1990 wurden in Gesprächen mit Verwaltung, Politik und Bürgern Nutzungen für das Gelände und leerstehende Gebäude gefunden.

Unmittelbar nach Abzug der Streitkräfte initiierte das Stadtsanierungsamt, das die Projektentwicklung übernommen hatte, einen städtebaulichen Ideenwettbewerb. Parallel dazu begann der Umbau der ehemaligen Kasernengebäude zu Wohnungen, Werkstätten und Ateliers. Mit anderen Aktivitäten wie Theater, Freilichtkino, Flohmärkte, Discos u. a. wurde das lange Zeit nicht zugängliche Militärgelände frühzeitig für die Öffentlichkeit geöffnet und in die Stadt integriert. In den alten Gebäuden können kleinere und weniger finanzstarke Nutzer ihre Ansprüche realisieren.

Die Bebauungspläne belassen im Hinblick auf das Maß der baulichen Nutzung eine relativ hohe Gestaltungsfreiheit für den Bauherren. Lediglich die Grundflächenzahl, die Traufhöhe und eine Hülllinie, innerhalb der sich die Ausformung der Dächer bewegen muss, wurden festgesetzt. Dadurch verbleibt den Bauherren ein großer Spielraum bei der Parzellierung, der Architektur und der Gestaltung. Ziel dieser Vorgehensweise ist zum einen die Stärkung der Verantwortung und Identifikation mit dem Quartier und zum anderen die Schaffung von Vielfalt, Kleinteiligkeit und Mischung.

Seit 1998 erhalten Baugemeinschaften den Vorzug bei einer Grundstücksvergabe, da die Stadt Tübingen der Ansicht war, dass das Ziel der Kleinteiligkeit und Nutzungsmischung mit Baugemeinschaften besser zu verwirklichen war als mit großen Bauträgern. Begünstigt wird die stetige Ansiedlung neuer Bürger, Betriebe und Einrichtungen auch durch die Innenstadtrandlage, relativ geringe Bodenpreise und die bedarfsorientierte Parzellierung.

Erschwert wurde das Projekt durch die Kosten für Abbruch, Erschließung, öffentliche Freiflächen, soziale Infrastrukturmaßnahmen und die Grunderwerbskosten. Vor allem die Kosten für die Kampfmittelbeseitigung wurden z.T. unterschätzt.

Ein spezifisches Problem in Tübingen ist derzeit noch die B 27, die die weitere Entwicklung des Gebietes behindert. Erst nach der schon seit langer Zeit diskutierten Verlegung der Bundesstraße können die noch ausstehenden Maßnahmen verwirklicht werden.

Projektchronologie

JahrEreignis
1991Auflösung der französischen Garnison, Städtebaulicher Ideenwettbewerb
1991-1993Städtebaulicher Rahmenplan, der den heterogenen Charakter der Südstadt, ihre bauliche, soziale und funktionale Mischung, in erweiterter Form wieder aufnimmt
1992Beginn der Untersuchung und Sanierung der Altlasten
1992Erschließungsmaßnahmen
1994Grunderwerb der Stadt vom Bund
1995Vergabe von Optionen für Gebäude- und Grundstückskauf
1996Beginn der Neubebauung mit kompakten, drei- bis fünfgeschossige Baukörpern
1996-99Teilnahme am ExWoSt - Forschungsfeld „Nutzungsmischung im Städtebau“
1999Beginn des 2. Bauabschnitts
2001Deutscher Städtebaupreis
2002fünf von 12 Bauabschnitten sind im Bau, zwei in der Vorbereitung, zwei große Quartiere sind fertiggestellt
Bis 2012Fertigstellung

Ziele

Wohnen und Arbeiten Quelle: Stadtsanierungsamt Tübingen

  • Umnutzung und Nachverdichtung ehemaliger Militärareale
  • Innenstadtentwicklung statt Außenentwicklung
  • Verbindung von Alt und Neu
  • Schaffung eines verdichteten, urbanen Gefüges mit Wohnen, Gewerbe, Kultur
  • Städtische Strukturen statt Siedlungsentwicklung
  • Bauliche Vielfalt und Dichte
  • Vielfalt der räumlichen Standards, der Grundstücksgrößen, der Eigentumsverhältnisse, der Bauformen und der Akteure
  • Flexibilität des Bauablaufs
  • Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements

Maßnahmen

Umgenutzte Pferdeställe mit neuem Kopfbau Quelle: Stadtsanierungsamt Tübingen

  • Städtebaulicher Rahmenplan
  • Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme
  • Bebauungspläne
  • Reaktivierung von Altbauten
  • Flexible Parzellierung
  • Konzepte zur Verkehrsvermeidung
  • Projektmanagement und offensives Marketing für das neue Quartier

Innovationen

Baugemeinschaft Quelle: Stadtsanierungsamt Tübingen

Nutzungsmischung und Brachflächenrecycling sind in diesem Projekt unmittelbar miteinander verflochten. In der Tübinger Südstadt ist es gelungen, einen städtebaulichen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Zusammenhang unterschiedlichster Nutzungen herzustellen. Begünstigt wird die Nutzungsmischung durch Vielfalt in der Struktur und Flexibilität im Prozess.

Das Prinzip der Nutzungsmischung wird auch planungsrechtlich abgesichert und gefördert. Das heißt, der gesamte Projektbereich ist als Mischgebiet ausgewiesen, mögliche Konflikte zwischen unterschiedlichen Nutzern werden damit als selbstverständlicher Teil eines lebendigen und vielfältigen Stadtteils vorausgesetzt und akzeptiert.

Wesentliche Erfolgsbedingung ist ein städtisches Projektmanagement, das vor allem diejenigen Akteure fördert, die zur Nutzungsvielfalt beitragen, sich aber in traditionellen Strukturen nur sehr schwer durchsetzen können.

Quellen

  • BBR (Auftraggeber), FIRU GmbH (Auftragnehmer): Querauswertung von ExWoSt-Modellvorhaben zum Flächenrecycling, 2004 (unveröffentlichter Bericht)
  • BMVBW : www.werkstatt-stadt.de, Innovative Beispiele aus dem Experimentellen Wohnungs- und Städtebau, Berlin 2000
  • BBR: Werkstatt: Praxis Nr. 2/2000 „Nutzungsmischung im Städtebau“
  • Institut für angewandte Wirtschaftsforschung: Nutzungsmischung im Französischen Viertel in Tübingen, vorläufiger Endbericht zum ExWoSt – Projekt „Nutzungsmischung im Städtebau“, Tübingen 1999
  • Steffen, G.: Nutzmischung in der Tübinger Innenstadt: Städtebaulicher Entwicklungsbereich „Stuttgarter Straße/Französisches Viertel“. Kulturelle, soziale und wirtschaftliche Zukunft im Stadtteil. In: ExWoSt-Informationen zum Forschungsfeld „Nutzungsmischung im Städtebau“ Nr. 19.5 (1998), S. 2-4

Weiterführendes

  • Roland Kunze, Lebendige Stadtentwicklung in Tübingen. Deutscher Städtebaupreis 2001 für das Quartier Französisches Viertel/Stuttgarter Straße; in: Planerin H. 4/2001, S. 42-44

Projektstandort auf Google-Maps: https://goo.gl/maps/3Leano7k6Qs

Den Projektstandort finden Sie auch unter PLZ: 72072 - Ort: Tübingen - Straße: Lorettoplatz.

Letzte Änderung: 21.06.2017